Mitterer, Wittfrida
Südtiroler Siedlungen Condominium in mind
Buch: Sachbuch

Südtiroler Siedlungen
127 Standorte in Österreich
Condominium in mind
Da die Südtiroler nach der Angliederung an Italien allen Zwängen der Faschisten zum Trotz ihre deutsche Sprache und Kultur nicht aufgegeben hatten, beabsichtigte Mussolini, die Südtiroler zum Auswandern zu bewegen. Er schloss dazu am 23. Juli 1939 mit Hitler das Optionsabkommen. Den Südtirolern wurde die Option eingeräumt: Entweder ins deutsche Reich auswandern und dort in einem gemeinsamen attraktiven Raum siedeln oder unter Verzicht auf ihr Deutschtum irgendwo in Italien bleiben.
Unter diesem Druck entschieden sich 85 Prozent der Südtiroler für die Auswanderung nach Deutschland. Auf Grund der Kriegsereignisse kam es schon bald zu einer Verzögerung der Umsetzung der Auswanderung. Schlussendlich fuhren tatsächlich etwa 75.000 Südtiroler mit Hab und Gut über den Brenner. Da auch von den ursprünglich versprochenen Siedlungsgebieten keine Rede war, mussten in aller Eile neue Siedlungen für die Südtiroler Optanten gebaut werden.
In Österreich - es hieß ab 15. Oktober 1939 Ostmark – wurden in 127 Gemeinden Häuser mit insgesamt 13.500 Wohnungen für die Südtiroler Optanten gebaut. Die Siedlungen im Bundesland Tirol (3.232) befanden sich in 23 Orten: Absam, Brixlegg, Flirsch, Hall, Imst, Innsbruck, Imst, Jenbach, Jochberg, Kematen, Kitzbühel, Kramsach, Kufstein, Landeck, Lienz, Reutte, Schwaz, St. Johann in Tirol, Telfs, Völs, Wattens, Wörgl und Zams.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrten etwa 20.000 Südtiroler Optanten wieder in ihre alte Heimat zurück. Für alle anderen waren die Südtiroler Siedlungen die Basis für ein neues Leben in der Fremde.
Seit der Errichtung dieser Siedlungen hat sich der Bestand der Anlagen zwar verändert, das architektonische und raumplanerische Konzept ist aber noch sichtbar. Die architektonische Oberaufsicht über den Bau der Siedlungen hatte damals der aus Dresden
stammende Architekt Helmut Erdle und der Kärntner Architekt Peter Koller, der Planer der VW Stadt Wolfsburg. Die fast einheitliche Ausdrucksweise der Architektur dieser Siedlungen, die ihr Erscheinungsbild prägen, kann man heute als Ausdruck einer „Blut- und-Boden-Ideologie“ kritisieren. Man muss aber bedenken, dass hinter dieser Gestaltung romantisch-alpiner Prägung die Absicht stand, die Südtiroler sollten sich in diesen Häusern zu Hause fühlen. Dazu zählte alles, was als Südtiroler Stil empfunden wurde: Umlaufende Balkone, Erker, Fensterläden und Fresken an den Hauswänden.
Da die lokal mitarbeitenden Architekten formal ansprechende Arbeit leisteten, zeigen die Bauten im Detail viel überraschend gute Lösungen. Vor allem in den raumplanerischen Konzepten und in der Gestaltung von Plätzen und Straßenräumen ist vieles vorbildhaft.
Die beispielhaften Bauten und Ensembles sind aus heutiger Sicht eine gelungene raumplanerische und architektonische Großtat, da Menschen aus ganz verschiedenen Orten kommend in Dorf- und Stadterweiterungsgebieten anzusiedeln waren.
Ein unverhoffter Fund von Plänen, ergänzt durch eine systematische Fotokartei, ist nun die Grundlage einer lückenlosen, bisher nicht veröffentlichen Dokumentation der Südtiroler Siedlungen. Die über 800 Fotodokumente von 1986-1987 wurden von Architekt Bernard Köfer (1946 -2003) auf seinen Informationsfahrten angefertigt. Zu diesem Zeitpunkt waren vor der großen Erneuerungswelle die meisten Siedlungen im Originalbestand erhalten. Die Bilddateien bieten authentische Informationen über die bestehenden Siedlungsorte. Mit der Typologie der Wohnungsangebote konnte dank des Grünraumbezugs und des sonstigen Wohnumfeldes den Siedlern ein angemessener, ihnen vertrauter Lebensraum zur Verfügung gestellt werden.
In Anknüpfung an den Siedlungsbau der 1930er-Jahre hat das Wohnen im Kontext mit dem Grünraum als Selbstversorger das Überleben ermöglicht. Es bieten sich in Ableitung wertvolle Impulse für zukunftsweisende Wohnformen, die nach der Pandemie durchaus flexible Grundrisse und zum Innenhof hin zugewandte halboffene Bereiche für neuen Arbeitsräume (Smartworking) erlauben.
Die geplante Dokumentation sieht ein umfangreiches Bauten-Glossar vor, das neben historischen Materialien auch den aktuellen Ist-Zustand zeigt. Die Publikation und digitale Dokumentation erscheint 2022 zur Erinnerung an die 50 Jahre zweites Autonomiestatut.


Dieses Medium ist verfügbar. Es kann vorgemerkt oder direkt vor Ort ausgeliehen werden.

Personen: Mitterer, Wittfrida

Standort: St. Johann

Schlagwörter: Südtirol Auswanderung Siedlung

EH
Mit

Mitterer, Wittfrida:
Südtiroler Siedlungen : Condominium in mind / Wittfrida Mitterer. - 1. Auflage. - Brixen : Weger, A, [2022]. - 564 Seiten : Illustrationen ; 27 cm x 21 cm, 1665 g
EAN 9788865633410 Broschur : EUR 39.00

Zugangsnummer: 0042905001 - Barcode: 3062644815
Österreich (Reiseführer, regionale Geographie, Landeskunde) - Buch: Sachbuch