Anna nicht vergessen

Geiger, Arno

Doppelte Buchführungen Arno Geigers Erzählungen "Anna nicht vergessen" Spricht das eigentlich gegen einen Autor, wenn man von seinen Erzählungen sagen kann, sie seien so unterschiedlich, daß man kaum glauben würde, daß sie derselben Feder entstammen? Einerseits will der Leser eine Handschrift erkennen, einen Stil, eine markante Art, die Welt zu sehen und darzustellen. Andererseits nötigt es einem Respekt ab, wenn sich der Autor nicht auf eine "Machart" eingeschworen, wenn er sich nicht festgelegt hat, wenn er mit Formen und Perspektiven spielt. Nehmen wir zum Beispiel die Titelgeschichte des neuen Erzählbandes von Arno Geiger - Titelgeschichten werden gewöhnlich mit Bedacht dadurch geadelt, daß ihr Titel für die ganze Sammlung steht, sie sind repräsentativ. "Anna nicht vergessen" ist eine ausgezeichnete Erzählung, aber repräsentativ für das Ganze ist sie nicht: Geiger erzählt von einer angespannten Mutter-Tochter-Beziehung - "Anna nicht vergessen" steht als Warnhinweis auf mehreren Zetteln in der Wohnung, auf Wunsch der kleinen Anna, die auf ihre Mutter Ella einmal nach der Schule allzu lange warten mußte. Vater gibt es keinen. Ella, "eine schlanke, attraktive Frau, die mit der Zeit nüchtern geworden ist, obwohl sie mit zwanzig als jemand gegolten hat, der nicht zu bremsen ist", geht als Agent provocateur für latent untreue Ehemänner einer etwas anrüchigen Tätigkeit nach. Sie, die anderen Frauen dabei behilflich ist, sich ihres Glückes zu versichern (vielleicht bleibt der Mann ja standhaft) oder eben dem Unglück ins Auge zu sehen, leidet selbst an schleichendem Glücksschwund. Sie hat Angst, "daß sie mit jedem Jahr an Lebensfreude verliert, während andere immer glücklicher werden". Dieser Befund wird freilich nicht groß ausgestellt, er ist hineinverwoben in den Alltag von Mutter und Kind, der vom Konflikt um die häusliche Aufnahme einer Wüstenrennmaus überschattet wird. Maria, Ellas Schwester, tut sich da mit ihrer Nichte viel leichter. Die in ihrer Mutterrolle überforderte Ella muß sich von der Sechsjährigen anhören, bald komme ohnehin ihre "richtige Mutter" sie holen. Es fällt Ella viel leichter, ihre Macht über fremde Männer zu genießen als die Gegenwart ihrer erschreckend fremden Tochter. Neben dieser prägnant erzählten, psychologisch präzisen, rührenden und komischen Familiengeschichte gibt es unter dem runden Dutzend Erzählungen einige originelle und bizarre Einblicke in menschliche Seelenwinkel. Sprachliche Sorgfalt ist allen anzumerken. Je vier Geschichten finden sich unter den unterschiedliche Zoom-Stärke anzeigenden Überschriften "Tage", "Jahre" und "Leben". Arno Geiger traut sich auch, formal einiges auszuprobieren. Es scheint, als würde er die Bewegungsfreiheit, die die Kurzprosa bietet, genüßlich nützen. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen? Vielmehr findet so jeder irgend etwas, was ihn ärgert: Offenbar hat gerade der Mut zum Heterogenen einige Rezensenten verprellt, die, je nach Gusto, jeweils nur bestimmte Texte gelten lassen, meist sind es die nach eher traditionellem Muster gestrickten. Was anfangen mit einem unter "Jahre" subsumierten Gebilde, betitelt "Das Gedächtnisprotokoll oder Auflistung der bei der Brandlegung durch den Gärtnergehilfen zerstören Einrichtungsgegenstände und Besitztümer"? Die seitenlange, Zimmer für Zimmer erfassende Aufzählung von Einrichtungs-, Wert- und Unwertgegenständen ("diverses Schreibgerät und Papier / 2 Weckuhren / 1 Armbanduhr, echt Gold, Rolex / 2 Lederbrieftaschen") kann den Leser schon etwas ratlos machen. Begreift man das Raffinement des Autors, gewinnt die Liste, die eine Döblinger Villenbesitzerin ihren Freunden zur Bestätigung für die Versicherung vorlegt, sogar eine sinnliche Qualität. Sie verrät viel über den wenig diskreten Charme der Bourgeoisie, ihre Statussymbole, ihre Kleinlichkeit. Die Brandstiftung war ein Racheakt, die Dame des Hauses hatte den Gärtnerburschen als Blumendieb denunziert. Empathie wird uns da nicht leicht gemacht. Und trotzdem empfindet man auch einen Hauch von Mitleid für diese bornierte Beraubte, deren accessoirereiches Leben hier "bis auf die Grundmauern" abgebrannt ist. Mitgefühl für ziemlich seltsame Typen, für Leute, die einem fremd sind und fremd bleiben: Geiger bewirkt das gerade dadurch, daß er sich als Autor der Stimme enthält und jede Figur den ihr exakt angemessenen Ton anschlagen läßt. Da ist in "Koffer mit Inhalt" der pensionierte Bahnbeamte, der früher für die Versteigerung herrenloser Koffer zuständig war, der durch eine bösartige Ironie des Schicksals seine Frau verliert und sich nun, überflüssig und "unanbringlich" wie einst die Fundgegenstände, zum ersten Mal für das fremde Leben im Kofferüberraschungsei interessiert. Oder die Zimmerwirtin, die ihrem Untermieter, einem ebenso erfolglosen wie von sich überzeugten Schreiberling, wortreich den Teufel an den Hals wünscht, solange er sich nicht blicken läßt, aber, kaum ist er da, ihm weiter zu Diensten ist und die, als wäre sie in allem von seinem Schreiben vorherbestimmt, ja, als wäre sie von ihm geschrieben, unversehens zur allegorischen Figur wird, zum Ausbund jener Realität, derer sich der Schriftsteller schmarotzend bedient: "Er stürzt meine Tage hinunter wie Magenbitter, und trotzdem findet man mich wieder und wieder an seiner Seite." Läßt man sich darauf ein, vermag Geiger sehr wohl auch durch seine Hingabe an das Skurrile und Abseitige zu fesseln. Manche Texte legen die Vermutung nahe, sie seien so etwas wie Nebenprodukte von Arno Geigers Beschäftigung mit der Geschichte der Zweiten Republik im Zuge seiner Arbeit an dem Roman "Es geht uns gut" (2005). Zum Beispiel die Udo-Proksch-Milieu-Studie, in der die höchsten Genossen nach dem Mord an Stadtrat Nittel in einer Lagerhalle schießwütig die Sau rauslassen: "Samstagshunde" halt. Eine Erzählung, die etwas beliebig und auch in ihrer satirischen Stoßrichtung ziellos anmutet Von anderem Kaliber sind zwei eher alltägliche Geschichten, die insofern wiederum konventionell sind, als sie eine Identifikation mit dem Helden erlauben. "Abschied von Berlin" zeigt Lukas, den Looser aus Wien, an seinem letzten Abend in Berlin, wo ihm das totale Scheitern beschieden war. Sogar beim freundschaftlichen Abschiedsessen bleibt er von der Verflossenen düpiert zurück - mit ihrer unbezahlten Rechnung. Die Kellnerin läßt ihn aus reiner Nächstenliebe in ihrer Wohnung übernachten, wo er am nächsten Morgen, da sie noch schläft, dem Installateur öffnet. Vor ihm blüht Lukas in der angemaßten Rolle des Hausherrn und glücklichen Liebhabers auf, als hätte auch er endlich einen "Koffer mit Inhalt" gefunden, der zu ihm paßt. Und dann ist da die virtuose und herzklopfenerzeugende Schlußerzählung, die, ganz ohne betrügerische Absicht, "Doppelte Buchführung" heißt: Ein Arzt kämpft um das Leben eines Zwölfjährigen und denkt inmitten der intensivmedizinischen Routine an die eigene Kindheit und seine Beziehung zum ewig unzufriedenen Vater, an den er noch heute gebunden ist und dessen Garten er brav in Schuß hält, als constant gardener einer verdorrten Liebe. Wie sich eine Protagonistin, eine offenbar ziemlich gebildete Wiener Magistratsbeamtin, so schön erinnert, sagt Sigmund Freud vom Glück, "daß es im Schöpfungsplan für den Menschen nicht vorgesehen sei". Im Schöpfungsplan des Autors Arno Geiger wohl auch nur für rare Momente. Aber die Defizite im Seelenhaushalt sind für die Kunst ja allemal ergiebiger. *Literatur und Kritik* Daniela Strigl

Interessenkreis: Roman

Geiger, Arno:
Anna nicht vergessen / Arno Geiger. - München : Hanser, 2007. - 249 S.
ISBN 978-3-446-20911-4 fest geb. : ca. Eur 20,50

0016055001 - DR - Signatur: DR/GEI Gei - Dichtung/Belletristi