Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen
Buch

Kindliche Ängste nach dem Verlust der Mutter. Erklärungsnöte der Erwachsenen.


Rezension

Jean, gerade eingeschult, lebt zusammen mit seinem jüngeren Bruder, dem Kindermädchen Yvette und einem Vater, der von Beruf Chef und zu Hause von wenig erfreulicher Lebensart ist.Abwesend und gleichzeitig totgeschwiegen geistert die Mutter durch die Bilder. Ein großes Fragezeichen treibt den neugierigen Leser durch die Bildergeschichte, entlässt ihn aber am Ende ohne eindeutige Antwort: Wo ist die Mutter? "Deine Mutter ist tot" schreit das Nachbarsmädchen dem kleinen Jean ins Gesicht. Geheimnistuerei und Andeutungen versetzen die Kinder in eine Atmosphäre, die alle Fragen tabuisiert. Das Schweigen treibt Jean in ausufernde Phantasien, die selten etwas Erfreuliches inszenieren. Für ihn gleicht die Welt einem undurchdringlichen Verwirrspiel, der Alltag einem Hindernisrennen. Zwischen Lügen aufgewachsen, lügt er selbst und manövriert sich so in manche unbehagliche Situation. Zu den Lichtblicken gehören das liebevolle Kindermädchen und der kleine Freund mit dem ungezwungenen, freimütigen Elternhaus. Solche Glücksmomente weiß Émile Bravo mit hellen Farben und ansprechenden Physiognomien ins Bild zu setzen. Aber es gibt auch erschreckend abstoßende Gesichter, vor allem die der alten Menschen. In zwölf Kapiteln - meist mit dunklen Farben unterlegt - gelingt ein vielschichtiges Szenario. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum verschwimmen und spiegeln einen kindlichen Bewusstseinsstrom wider. Minutiös gezeichnete Bildsequenzen erschließen eine facettenreiche Handlung mit zahlreichen Schauplätzen. Die Abwechslung von Schreib- und Druckschrift, von Sprechblase und eingerahmten Untertiteln, von Buchstaben und Symbolen vermögen dabei vieldeutig zu erzählen. Dennoch bevorzugt Émile Bravo klare, feste Linien und langsame Handlungsabläufe. Er vermeidet die virtuosen Geschwindigkeiten des Comics, und beweist einen sehr persönlichen Stil, der gleichzeitig der besonderen Qualität der graphic novel französischer Herkunft verpflichtet ist.

Ein junger Leser muss Lese- und Bilderfahrung mitbringen. Allerdings spricht die atmosphärisch starke Bildwelt Kinder auch sehr direkt an. Ab ca. 8 Jahren.

Rezensent: Barbara von Korff-Schmising


Personen: Bravo, Emile Regnaud, Jean

Schlagwörter: Tod

Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen / Jean Regnaud. Ill. von Emile Bravo. Dt. von Kai Wilksen. - 1. Aufl. - Hamburg : Carlsen, 2009. - 118 S. : überw. Ill. ; 25 cm. - Aus d. Franz.
ISBN 978-3-551-77790-4 geb. : EUR 17.90

Zugangsnummer: 0002/6104
Buch