Ferris, Joshua
Ins Freie Roman
Buch

?Es geht wieder los?, sagt der Protagonist Tim Farnsworth im ersten Kapitel zu seiner Frau Jane, und die weiß genau, was zu tun ist: Sie reibt seinen Körper mit Vaseline ein, zieht ihm Thermounterwäsche an, packt ihm einen Wanderrucksack mit Outdoor-Kleidung, Energieriegeln, dem Handy und einem GPS-Gerät zusammen und verwickelt ihn in ein Gespräch über die schönen Zeiten, die sie hatten, und die Pläne für die Zukunft, die sie schmiedeten. Doch irgendwann schläft sie ein, und als sie wieder aufwacht, ist er weg. Joshua Ferris erzählt in seinem düsteren Roman von einem Mann, der auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen scheint: Er ist Partner in einer angesehenen Kanzlei in Manhattan, hat eine ihn liebende Frau sowie eine pubertierende Tochter und lebt mit seiner Familie in großem Wohlstand. Doch er leidet unter einer rätselhaften Krankheit, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen wegzieht: Er muss raus. Und laufen. Plötzlich überkommt es ihn, vor Gericht, in einer Besprechung, beim Mittagessen oder mitten in der Nacht, und dann geht er los, im Stechschritt geradeaus, nichts hält ihn, oft wirft er während des Gehens noch alle Kleider von sich, und er marschiert, bis er vor Erschöpfung umfällt und einschläft ? im Straßengraben, im Hinterhof einer Kneipe, auf dem Mittelstreifen des Highways. Vier Jahre ist es her, dass Tim Farnsworth diese rätselhafte Zwangsstörung entwickelte, damals warf es ihn für einige Monate aus seinem Leben, kostete ihn und seine Frau ? die ihn immer wieder irgendwo einsammeln musste ? enorm viel Kraft. Zahllose Ärzte haben sie damals konsultiert, die sinnlosesten Therapien absolviert, doch nichts brachte Heilung oder auch nur eine Diagnose. Dann war es plötzlich weg, Tim und Jane nahmen ihr Leben wieder auf, aber nun eben: ?Es geht wieder los.? Ungefähr fünfzehn Jahre umspannt dieser sensationelle Roman (wobei die Chronologie aufgebrochen ist), und man folgt atemlos und ungläubig Tims immer schlimmer werdenden Wanderattacken, die nicht nur seine Physis angreifen (Erfrierungen kosten ihn Zehen und Finger, Mangelerscheinungen und Erschöpfung lassen seinen Körper schier zerfallen), sondern auch die Gegenmaßnahmen immer martialischer werden lassen: Er lässt sich unter anderem von seiner Frau und seiner Tochter monatelang mit Handschellen ans Bett fesseln. Doch nichts hilft, seine berufliche Existenz und sein Familienleben zerbrechen, alles, aber auch wirklich alles, geht kaputt. Das Irritierende und Faszinierende an diesem kleinen Meisterwerk ist, dass man nicht richtig zu fassen bekommt, worum es Ferris eigentlich geht: Ist dieser Roman eine Metapher auf die Getriebenheit des modernen Erfolgsmenschen, dem nichts genügt und der auch aus dem vermeintlich geglückten Leben immer wieder ausbrechen und nach mehr streben muss? Handelt er von der Fragilität unseres Lebens, in dem einfach nichts sicher ist? Oder ist der Roman ganz handfest und unmetaphorisch ein Versuch, das Leben mit einer unerklärlichen Krankheit zu schildern, eine Studie über die Folgen, die sich daraus für den Betroffenen und sein Umfeld ergeben? Das Buch ist alles und nichts davon, bleibt hier merkwürdig in der Schwebe, aber genau das macht einen als Leser so nachdenklich und lässt einen am bitteren, bitteren, bitteren Ende fast verstört zurück. -- Christoph Nettersheim


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Personen: Ferris, Joshua

R 11 Ehe/Beziehung

Ferris, Joshua:
Ins Freie : Roman. - 1. Aufl. - München : Luchterhand, 2010. - 352 S.
ISBN 978-3-630-87297-1

Zugangsnummer: 0101/5784 - Barcode: 01015784
Krimi - Buch