Sautner, Thomas
Das Mädchen an der Grenze Roman
Belletristik

Kaum ein Begriff bedroht die Menschen so sehr wie eine Grenze. Ob im physischen Abwehrkampf gegen einen Maschenzaun oder in der psychischen Faszination eines Grenzgängers, immer reizt es die Menschen, diese Grenzen zu überschreiten. Thomas Sautner stellt in seinem Roman vom "Mädchen an der Grenze" eine zwie-sichtige, mehrschichtige Heldin vor. Malina ist ein höchst sensibles Mädchen, das schon beim ersten Ertasten der Welt auf ungewöhnliche Vorgänge stößt. "Mit Neugier beobachtete ich die Auflösung der Welt." (13) Diese Sehweise ist auch das große Geheimnis des Romans, die Heldin nimmt zwar eine Ich-Perspektive ein, kann diese aber nicht in die übliche Welt transformieren. Was bleibt, ist eine Wahrnehmungstrennung zwischen dem Subjekt und der Umwelt. Dieser kaum darstellbare Zustand spielt in einem beinahe romantischen Ambiente an der kalten Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Österreich. Vater ist beim Zoll, die Familie lebt mitten im Wald im Paradies, freilich abgeschnitten von der Grenze, die an manchen Stellen reine Fiktion ist. Die Zöllner haben in ihrer Abgeschiedenheit eine eigene Völkerverständigung entwickelt. "Nicht schießen, weil wenn du scheißt, wird geschossen!" (27) Eines Tages gerät Malina über die Grenze und wird von den Jenseitigen aufgegriffen. Es ist ihr nicht genau klar, was rund um sie geschieht, jedenfalls hat sie eine gewisse Grenze überschritten und hört noch das Wort Nervenzusammenbruch, ehe die Wahrnehmung diffus wird. In einer Welt, die sich aus Therapien, seltenen Geschichten und komischen Farben zusammensetzt, sitzt Selatura am Krankenbett. Sie ist vielleicht aus einer anderen Welt, aber ihre Geschichten aus einem Zirkusartigen Zelt stellen eine brauchbare Alternative dar zu den Ereignissen, die man der Erzählerin bislang zugemutet hat. Mal erzählt ein altes Männlein was, dann setzt sich ein alter Hund zur Gesellschaft, von ferne gibt es Nachrichten und neue Weltlagen. Der Eiserne Vorhang ist gefallen. "Du mit deiner Wirklichkeit!" sagt jemand, der von all dem nichts versteht. Der Roman bedient sich diverser Schrift-Typen und eines wechselnden Layouts, um diese verschiedenen Wirklichkeiten anzudeuten. Die einzelnen Wahrnehmungen werden so lange unkoordiniert herumgeistern, bis sie nicht in einer Kraftanstrengung zusammengefügt werden, durch ein Buch vielleicht. Die Heldin probiert es mit einem Buch, das Malinas Buch heißen wird. "Du musst im Hirn. Sortieren." (143) Man kämpft als Leser mit der Heldin, die richtigen Worte zu finden und einen Sinn zu konstruieren, der scheinbar alles erklärt. Thomas Sautner hat einen beinahe magischen Grenz-Roman geschrieben, worin sich jede Grenze relativiert, wenn sie auch nur angesprochen wird. Während des Lesens tun sich die Begriffe auf und man staunt, wie grenzenlos letztlich alles gedacht werden kann. Helmuth Schönauer


Rezension


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Personen: Sautner, Thomas

Sautner, Thomas:
¬Das¬ Mädchen an der Grenze : Roman / Thomas Sautner. - Wien : Picus-Verl., 2017. - 146 S.
ISBN 978-3-7117-2047-4 fest geb. : ca. Eur 18,00

Zugangsnummer: 0005915001 - Barcode: 2-0000000-8-02066431-2
DR - Signatur: DR Sau - Belletristik